Samstag, 23. November 2013

SOLiPOWER ist nicht von Apple



Richtung Süden, wo es weniger touristisch zugeht, hängen die Stromkabel bedrohlich tief und wirken wie skurile Kunstwerke. Altmodische Geschäfte haben bemalte Holzrahmen. In den meisten Hotels gibt es nur eine einzige Steckdose. Das reicht, denn Strom gibt es nur für etwa 100 Stunden pro Woche. Wenn andere Bezirke der Stadt vesorgt werden, ist er hier eben weg. Die Menschen haben sich in ihrem Alltagsleben darauf eingestellt. Wer es sich leisten kann, betreibt einen Dieselgenerator. Die Umwelt leidet unter Lärm, Gestank, Abgasen und Ruß. Kathmandus Schönheit erschliesst sich nicht auf den ersten Blick.



Quelle: Happy Children e.V.
Die Kindersterblichkeit liegt bei 43 Toten auf 1000 Lebendgeburten. Männer werden nicht älter als durchschnittlich 65,2 Jahre, Frauen 67,8. Nur 10 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu medizinischer Versorgung. 84 Prozent der Menschen fehlen sanitäre Anlagen. Für fünf Euro kann ein Kind einige Tage essen. Für 45 Euro pro Monat geht es auf eine gute Schule. 55 Euro monatlich kostet ein Heimplatz mit voller Verpflegung, Schulunterricht und Kleidung. 


Märchenhafte Kleider für Momente des Glücks

Das ist das Motto der Österreicherin Ingrid Gumpelmaier - Grandl. In Eferding bietet die diplomierte Kindergarten- und Hortpädagogin bio-faire Damenmode an, Fairytale Fashion. Wer textile Augenweiden sucht, die sowohl ökologisch wie sozial verantwortungsvoll hergestellt werden, wird bei ihr fündig. 


Ingrid Gumpelmaier-Grandl
Sie verwebt traditionelle nepalesische Sticktechnik mit europäischem Design. Verkauft wird online und in zahlreichen EineWelt - Läden. Für eine kleine Schneiderei in Kathmandu ist Ingrid mehr als nur ein verlässlicher Handelspartner. Die faire Geschäftsfrau ermöglicht den Frauen, die dort arbeiten, ein würdiges Leben. Anerkennung und eine wirtschaftliche Existenz, mit der sie ihre Familien über die Runden bringen. Bei regelmäßigen Besuchen überzeugt Ingrid sich davon, dass soziale Standards eingehalten werden. Die Bedingungen unter denen tagtäglich gearbeitet wird, sind schwer. Vor allem wegen der häufigen Stromausfälle. So wie überall in Kathmandu ist ein mit Diesel betriebenes Notstromaggregat unverzichtbar. Auch wenn es ungeliebt ist, schmutzig und ungeheuer laut. Das ständige Dröhnen der Aggregate ist Kathmandus Grundgeräusch. Der grösste Luxus, den man sich hier vorstellen kann, ist ein Hörgerät. Esther Leist und ihr Partner Markus Schraermeyer machten auf ihrer einjährigen Motorradreise Station in Nepal. Gemeinsam mit der Hilfsorganisation Nepal Association of the hard of hearing fertigten sie einige Wochen lang Ohrpassstücke für Hörgeräte an. Wie ein Lauffeuer habe es sich herumgesprochen, dass in Kathmandu Hörgeräte angepasst werden. Esther Leist schreibt:


"Betroffene haben oft keine Chance, ihre Kommunikationsstörung zu überwinden, einen Beruf zu lernen und ihr Leben selbstbestimmt zu meistern. Aus Mangel an Hilfe teilen sie zumeist das Los der Gehörlosen. Sie leben mehr oder weniger jenseits lautsprachlicher Kommunikation."



Foto: Christian Ostendorf

Bei uns in Europa ist alles so wie in jedem Jahr. Deshalb gegen wir dorthin, wo eben nicht alles so ist wie in jedem Jahr:


"Aber hätten wir dieses Elend entschuldigen können - mit Karma? Nein!
"Happy Children e.V.

Ärmel hochkrempeln und anpacken. Photovoltaik statt Diesel. Für die Schneiderei in Kathmandu ist Hari Gautam verantwortlich. Er möchte eine umweltschonende Solaranlage installieren. Das kostet zwischen 15.000 und 18.000 Euro. Eigentlich vollkommen unerschwinglich. Ingrid Gumpelmaier-Grandl weiß das.




Quelle: Happy Children e.V.


Im März 2009 wurde in Kathmandu - Tilganga, direkt am heiligen Fluss Bagmati, unweit des Tempels Pashupatinath, das neue Zentrum der Shanti Leprahilfe eröffnet. Mit Hilfe einer Spende von Hape Kerkeling, der beim Promi-Special von Wer wird Millionär 500.000 Euro gewonnen hatte. Die Klinik, die Shanti in Tilganga führt, trägt seither seinen Namen. Auf dem Dach des imposanten Rundbaus ist eine Photovoltaik - Anlage installiert, um von den ständigen Stromunterbrechungen der Stadt unabhängig zu werden.




Quelle: Happy Children e.V.


Ingrid Gumpelmaier-Grandl hat nicht die Prominenz eines Hape Kerkeling. Sie geht einen anderen Weg: Auf der deutschsprachigen Webseite von Indiegogo begann sie vor wenigen Tagen eine Crowdfunding - Kampagne. Dadurch erreicht sie außerhalb ihres eigenen Lebenskreises Gleichgesinnte, die sie ohne Indiegogo nicht gefunden hätte. Österreich, die Schweiz und Deutschland sind reich. Beat Bühlmann vom Schweizer Tagesanzeiger sagt: 


"Armut heißt hierzulande keine neuen Turnschuhe für die Kinder. Kleider nur im Ausverkauf. Zahnarztbehandlung verschieben. Wegen der Stromrechnung beim Pfarrer oder bei einer gemeinnützigen Stiftung betteln. Ferien vergessen. Auf die Van-Gogh-Ausstellung im Kunstmuseum verzichten. Auswärts essen streichen."

Wer mit Armen in Nepal spricht, merkt, wie wir auf verschiedenen Planeten leben. Die nepalesische Bevölkerung hat nicht den Hauch einer Chance, sich selbst zu helfen. Der Strom wird nach Indien verkauft, um Devisen zu erwirtschaften, die gebraucht werden, um dringend benötigte Waren zu importieren. Nepals Außenhandel entfällt zu 86 Prozent auf Einfuhren. Aus Indien kommen Medikamente und Reis. Wenn Nepal ein Geschäftsmodell wäre, würde es mit dem Bauch nach oben schwimmen, schrieb die Nepal Times im August 2013 voller Resignation. Das Land sei moralisch bankrott! Mit welchen Maßstäben wird das gemessen? Der Philosoph Richard David Precht bringt es auf den Punkt:


"Der Mensch ist nicht von Natur aus gut. Der Mensch besitzt auch keinen angeborenen Sinn für Fairness. Er weiß nur, wann er unfair behandelt wird. Der Mensch passt seine Moral seinem Umfeld an. Gibt es dort keine Moral, entwickelt er sie auch nicht."

Zum Glück sind wir in einen anderen Teil der Welt hineingeboren worden. Mit wenig Geld können wir viel Gutes tun!





Diese Kampagne erhält alle eingenommenen Finanzmittel, selbst wenn das Fundingziel von 18.000 Euro nicht erreicht wird. Es ist noch Zeit bis zum 21. Dezember 2013. Zeit für ein gutes Ende für Alle!
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